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Im Dating-Modus zur Ausbildung

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23.03.2017 Die Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Berufsschulen I und II stellten sich den künftigen Abiturienten vor

„Wie läuft eine Ausbildung ab?“, „Was lerne ich in den Betrieben?“, „Welche Fächer werden an der Berufsschule unterrichtet?“, „Wie viel verdiene ich?“ Wenn der Lärmpegel hoch, aber die Gespräche konzentriert sind und die Stimmung gut ist – welch größeres Lob könnte es für eine Schulveranstaltung geben?

 

Während Silvia Obermeier-Fenzl, stellvertretende Schulleiterin der Staatlichen Berufsschule II am Dienstagnachmittag regelmäßig die Uhr kontrolliert, sind im Mehrzwecksaal alle Tische mit Schülern besetzt. Aber nicht auf klassische Art und Weise: In Blickrichtung zu den Lehrkräften sitzen jeweils zwei Schüler mit Namensschildern. Alle anderen sitzen ihnen gegenüber, verteilt auf den ganzen Raum. An jedem Tisch finden intensive Gespräche statt. Man hört Lachen, beobachtet erstaunte Gesichter und spürt das Interesse an- sowie den Respekt voreinander.

Am Mittwochnachmittag geschieht Ähnliches in der Staatlichen Berufsschule II – aber hier sitzen die Schülerinnen und Schüler nicht an Tischen, sondern gehen von Station zu Station. Sie schnuppern in die Backstube, beobachten eine Unterrichtseinheit an einem Automotor, treffen auf Schüler direkt nach einer Prüfung in der Fahrradwerkstatt und verfolgen gebannt, welche Wege das Abwasser durch ein verglastes Rohrsystem nehmen kann.

An zwei Berufsinfotagen durften die Schülerinnen und Schüler der regionalen Gymnasien sowie der FOS/BOS nicht nur Lehrerinnen und Lehrer mit Fragen überhäufen, sondern – und das war wohl noch viel eindrucksvoller – vor allem auch die aktuellen Auszubildenden direkt. Da der Abiturientenanteil an den Berufsschulen stetig zunimmt und es noch wenig Informationsangebote dafür gibt, hat die Bildungsregion Straubing-Bogen diese Veranstaltung initiiert, die mit Mitteln des Regionalmanagements Bayern gefördert wird. Die Staatlichen Berufsschulen I und II (gewerblich /technische und kaufmännisch Ausbildungsrichtungen) bereiteten gemeinsam mit ausgewählten Schülerinnen und Schülern die beiden Tage vor. Ziel war es, den angehenden Abiturienten Karrierewege ohne Studium aufzuzeigen und sie aus erster Hand zu informieren.

„Bing“: Wir sind wieder am Dienstag. Mit einer kleinen Handbewegung betätigt Silvia Obermeier-Fenzl die große Rezeptionsglocke am Pult. Das Läuten ist das Signal für die Besucher, ihre Tische im Uhrzeigersinn zu wechseln. Fünf Minuten lang nehmen sie nun an einem neuen Tisch Platz. Das sind fünf Minuten Zeit, um zwei neue Auszubildende kennenzulernen – und damit einen neuen Beruf und viele neue Eindrücke. Und es gibt Gelegenheit, in einem intimen Kreis all die Fragen zu stellen, die man sich im Plenum vielleicht nicht traut. Als Vorbild dient der Speed-Dating-Modus. Mit dem Unterschied, dass man neben den Menschen vor allem ihre Berufe kennenlernen soll.

Aber auch der Mittwoch bietet Gelegenheit für Insiderwissen. Ein Auszubildender erzählt, dass er im Anschluss an seine Lehre direkt ein Duales Studium machen wird – und das Allerschönste dabei: Er strahlt eine Begeisterung aus, die ansteckt. „Viele, die ein Studium anfangen, haben noch nie eine Maschine gesehen. Wir wissen das alles schon in unserem ersten Lehrjahr“, sagt er. Sofort wird er mit Fragen gelöchert: „Was bringt das für Vorteile?“, „Warum nicht gleich studieren, sondern erst eine Ausbildung machen?“, „Und was verdienst du überhaupt?“

Tatsächlich ist es so, dass eine fundierte Ausbildung eine ganze Reihe von Vorteilen mit sich bringen kann. Wenn man nach der Ausbildung ein duales Studium draufsetzt, wird man während der gesamten Zeit vom Betrieb bezahlt und kann zusätzlich in den Semesterferien dort arbeiten und das Gehalt eines Gesellen bekommen. Tausendmal besser als jeder klassische Ferienjob, denn: Diese Arbeit bringt von Tag zu Tag mehr praktische Erfahrung. Und als Abiturient hat man auch die Möglichkeit die Lehrzeit zu verkürzen oder von nicht fachspezifischen Unterrichtsfächern befreit zu werden.

„Es ist uns natürlich ein Anliegen, dass wir damit niemanden von seinem schon beschlossenen Weg abbringen wollen“, sagt Werner Kiese, Schulleiter der Mathias-von-Flurl-Schule. „Wir möchten keine Konkurrenzveranstaltung zu Hochschulen sein. Wenn jemand beispielsweise Medizin studieren möchte und die entsprechenden Noten dafür mitbringt, dann soll, ja muss er dies sogar tun. Aber nicht jeder ist in dieser glücklichen Lage. Für alle, die noch in der Entscheidungsfindung sind, können wir eine Hilfe sein.“ Ute Hentschirsch-Gall, Mitarbeiterin der Schulleitung an der Joseph-von-Fraunhofer-Schule, erzählt, dass in bestimmten Berufsgruppen, beispielsweise bei den Konditoren, die Zahl der Auszubildenden mit Abitur von Jahr zu Jahr zunimmt.

Insgesamt 44 Schülerinnen und Schüler der Gymnasien und FOS/BOS sind der Einladung zu den Berufsinfotagen gefolgt und äußerten sich – auch in der abschließenden Evaluation – sehr positiv. Am Ende bekam jeder Teilnehmer ein Zertifikat überreicht – ein kleines Dankeschön fürs Kommen und zur Erinnerung an den Tag. Und bevor der ein oder andere womöglich ein Teil der mit 29 Prozent sehr hohen Studienabbrecher-Quote bei den Bachelor-Studiengängen wird, entscheidet er sich vielleicht auf Grund der Veranstaltung für eine fundierte Ausbildung.

Bildunterschrift: Andreas Ritthaler (ganz rechts), ein Auszubildender zum Technischen Produktdesigner, erläutert die von ihm erstellten Planungen und Konstruktionen von Bauteilen.

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