Mit uns statt über uns!
Seelische Krisen und Psychosen gehören zu den am stärksten stigmatisierten Themen unserer Gesellschaft. Immer mehr Menschen erleben, wie wichtig der Austausch auf Augenhöhe in der seelischen Gesundheit ist. Doch ein spürbarer Wandel ist im Gange. Formate wie trialogische Psychose-Seminare und das Konzept der EX-IN-Genesungsbegleitung revolutionieren den Blick auf psychische Erkrankungen, brechen mit alten Tabus und zeigen neue Wege auf. Die PSAG Straubing lud hierzu in der vergangenen Woche zum Austausch in das Café Rispetto des BTZ Straubing ein.
Als Referent erzählte dabei der Diplom-Psychologe Klaus Nuißl eindrücklich von seinem eigenen Lebensweg bis hin zur Entscheidung zur Ausbildung des EX-IN (steht für Experienced Involvement, also die Einbeziehung von Erfahrungswissen) Genesungsbegleiters. Hierbei handelt es sich um eine strukturierte, zertifizierte Weiterbildung für Menschen mit eigener Psychiatrie-Erfahrung. Sie lassen sich zu sogenannten Genesungsbegleiterinnen und -begleitern ausbilden, um in Kliniken, Tagesstätten oder Beratungsstellen zu arbeiten. Dabei erklärte Nuißl wie wichtig es für Psychiatrie-Erfahrene sei, sich verstanden zu fühlen, um Vertrauen zu haben und sich wirksam auf eine Behandlung einlassen zu können. Genau hier setzt die Ausbildung an. Die eigene überstandene Krise wird zum Expertentum und damit ein wichtiger Baustein zwischen professioneller Hilfe und Selbsthilfe. Sie geben Orientierung, vermitteln zwischen Profession und Patient und wirken authentisch als Hoffnungsträger auf Betroffene ein. Was in den 1990er Jahren als reformatorischer Ansatz begann, ist heute fester Bestandteil einer modernen Psychiatrie. Seit sechs Jahren, unterbrochen durch die Corona-Pandemie, auch in Straubing. Hier kommen Betroffene, Angehörige und professionelle Behandelnde – die sogenannten drei „Säulen“ des Trialogs – als gleichberechtigte Partner zusammen. Das offene Gespräch baut Stigmatisierungen und Ängste ab, fördert neue Erkenntnisse, stärkt das Selbstvertrauen und das Gemeinschaftsgefühl und ermutigt zum Perspektivenwechsel. „Erst durch die Erfahrungsberichte von Angehörigen konnte ich zum ersten Mal auch meine Eltern besser verstehen“ schilderte Nuißl.
Fazit: Ein unverzichtbarer Baustein
Psychose-Seminare und die EX-IN-Begleitung zeigen eindrücklich, dass Genesung mehr braucht als Medikamente: Sie braucht Gemeinschaft, Verständnis und die Würdigung der eigenen Lebensleistung. Sie machen Mut, dass psychische Krisen nicht das Ende einer Biografie sein müssen, sondern – mit der richtigen Unterstützung auf Augenhöhe – zu einem Wendepunkt hin zu mehr Selbstbestimmung werden können.
Fragen zur PSAG, zum Psychose-Seminar beziehungsweise Themenwünsche für das Jahr 2027 bitte per E-Mail an Christina Drexler unter: psag@landkreis-straubing-bogen.de